Sind Kabardiner Anfägnerpferde?

Ja, das sind sie - auch wenn man so eine Frage pauschal eigentlich nicht richtig beantworten kann. Viel zu ungenau ist die Definition was man sich unter einem Anfängerpferd vorzustellen hat bzw. vorstellt.
Einfach "Anfängerpferd" kann bedeuten: ein Pferd für Jemanden, der noch nie ein Pferd gesehen hat, der noch nie mit Tieren zu tun hatte, nicht weiß, was und wie viel Futter sie benötigen, noch nie von Hufschmied und Tierarzt gehört hat.
So ein Pferd gibt es nicht - von keiner Rasse.

Gehen wir also die Frage etwas anders an. Was soll ein Anfängerpferd sein und können und was für Mindesterwartungen stellen wir an einen Anfänger?
Zuerst zum Pferd. Ein Anfängerpferd soll es dem Anfänger leicht machen. Es muss einfach und brav im Umgang sein, ohne Probleme reitbar, keinesfalls zu schnell, aber auch nicht zu langsam. Es soll mit der Familie und vor allem den Kindern umgänglich sein, nicht stur reagieren, aber auch nicht nervös werden.
Alleine eine gute Ausbildung reicht dazu nicht aus, viel mehr sind gute Grundeigenschaften notwendig, die Ausbildung muss dann immer noch erfolgen - umgekehrt ist das kaum möglich.
Melanie und Bärlin
Der Anfänger - was ist das?

Was sollte ein Anfänger beachten, was sollte man ihm empfehlen?
Ein Pferd braucht Pflege und gerade in der Anfangsphase bis es zu einem Zusammenwachsen kommt noch intensivere Bemühungen des Besitzers um sich gegenseitig kennen zu lernen und vertrauen zu gewinnen. Ein Anfänger muss also Zeit und Geduld investieren können UND wollen. Darüber hinaus muss er - jeden Tag - kritisch nachdenken darüber wie er sein Pferd behandelt und wie er damit umgeht.

Und zu guter Letzt muss er sich bewusst sein, dass er kompetente Hilfe braucht, sei es wenn es um Fütterung und Haltung geht durch den Stallbetreiber und Bekannte, wenn es um die Gesundheit geht durch Tierarzt und Hufschmied und natürlich auch wenn es um den Umgang, das Reiten und die Ausbildung geht durch kompetente Ausbilder. Dazu muss er seine Grenzen erkennen und akzeptieren, darf nicht zu eitel sein, diese einzugestehen und bereit sein zu lernen und zuzuhören.

Ein Anfänger die dies nicht beachtet? Für den gibt es kein passendes Pferd, denn keinem Pferd sollte man so einen Besitzer zumuten und wünschen.

Wenn ein Anfänger dies aber alles beachtet, ist dann nicht eigentlich jedes Pferd für einen obigen Anfänger ein Anfängerpferd? Schließlich sollte kein Pferd vernachlässigt werden, jedes Pferd die notwendige Ausbildung erhalten und ordentlich gehalten werden.

Nein, es gibt Pferde, die wirklich die Möglichkeiten eines Anfängers auch nach ordentlicher Ausbildung des Pferdes und noch soviel Engagement und Mühe immer übersteigen werden, weil einfach die Erfahrung oder auch die Hand für bestimmte Probleme fehlt und nicht "mal schnell" erlernbar ist.
Pferde können für Anfänger zu temperamentvoll, zu lauffreudig, zu stur oder zu nervös sein und so dem Besitzer erst nach harter Arbeit, viel Zeit, vielen Lektionen und viel Unterstützung dauerhafte Freude machen - und auch das eventuell nur mit Einschränkungen.

Nun aber zum Kern der Frage zurück: sind Kabardiner Anfängerpferde? 

Hält sich der Anfänger an die obigen Regeln, dann findet er im Kabardiner ein Pferd, das ein ausgewogenes Temperament hat (viel Temperament dann wenn man es auch will), lauffreudig ist (ohne zu lauffreudig zu sein), gerne und bereitwillig mitarbeitet (also nicht stur ist) und nicht zu Nervosität tendiert. Kabardiner haben von allem das Maß, das man sich wünscht und das auch für einen Anfänger goldrichtig ist.

Der Anfänger erhält somit ein Pferd, das obiger Beschreibung für ein Anfängerpferd sehr nahe kommt und man kann in diesem Sinne eindeutig sagen: Der Kabardiner ist ein Anfängerpferd.

Und doch ein "aber" ?

Trotzdem sollte man einen Anfänger noch auf ein paar Punkte hinweisen, die ihm sicherlich das Leben und das Zusammenleben mit seinem Kabardiner erleichtern:

  1. Kabardiner benötigen - etwas mehr als andere Pferde - einen besonders engagierten Besitzer, da sie sich häufig stärker als andere Pferde auf ihre Besitzer einlassen. Ist dieser Kontakt erst einmal da, hat man einen Partner in seinem Kabardiner, der mit einem durch dick und dünn geht und auf den immer Verlass ist. Aber es benötigt eben etwas mehr, damit das Pferd einem auch das entsprechende Vertrauen entgegen bringen kann.
  2. Kabardiner sind häufig - wieder mehr als andere Pferde - "nicht-Stall-Pferde", d.h. sie leiden mehr unter einer Haltung in (muffigen) Ställen, aus denen sie nur wenige Stunden heraus geholt werden. Offenstallhaltung ist für nahezu alle Pferde angenehmer und auch Kabardiner sind sicherlich dort gut aufgehoben. Das soll nicht heißen, dass nicht auch eine gute Stallhaltung in einem sauberen, luftigen und ordentlichen Stall mit täglichem Weidegang eine gute Lösung für einen Kabardiner ist - sehr wahrscheinlich wird sich ein Kabardiner auch hier wohl fühlen.
  3. Kabardiner sind intelligent, sie wollen keine stupide Ausbildung mit endlosen Wiederholungen, sondern immer wieder neu gefordert werden. Wenn sie etwas verstanden haben, dann geht das auch. Und "stehen bleiben weil man es irgendwo mit den Zügel am Boden liegend" abgestellt hat, das ist einem Kabardiner zu dumm. Das mag mit manchen Westernpferden funktionieren, aber ein Kabardiner wird immer ein Stück weiter zum grasen gehen. Und das ist auch gut so.
Die Besitzer bestätigen das!

Diese Einschätzung zum Kabardiner als Anfängerpferd bestätigen die Berichte von sehr vielen Kabardinerbesitzern - wobei hier erstaunlich viele Anfänger zu finden sind. Nahezu alle sind mit ihren Kabardinern über die Massen zufrieden und wollen kein anderes Pferd haben. Natürlich haben auch hier einige Anfangs-Schwierigkeiten erlebt, wobei ganz typisch ist, daß das Pferd erst nach einem halben Jahr wirklich seinen Menschen voll vertraut hat und sich der tolle Kontakt entwickelt hat, von dem alle später schwärmen - dies deckt sich mit der obigen Beschreibung der intensiveren Bindung, die aber auch mehr erarbeitetes Vertrauen benötigt und so mehr Zeit.

Auch erzählen Einige anfangs von Schwierigkeiten beim Einfangen Ihrer Pferde auf der Koppel, oder von großer Dominanz in der Herde. Wobei Ersteres sich mit der Zeit, Engagement und Geduld im Allgemeinen bald gelöst hat und bezüglich Letzterem sich die Herde meist bald an den Kabardiner als fairen und souveränen Chef gewöhnt.

Öfter hört man auch, dass Pferde aus Russland anfangs zwar im Gelände gut gehen (in Schritt, Trab und Galopp) nicht schreckhaft, sehr brav und umgänglich sind, aber noch keine Longe oder gar Bahnübungen beherrschen. Alternativ hört man von Pferden mit enormem Laufwillen und meist kräftigem Unterhals. Aber das Eine sind einfach unausgebildete und doch reitbare und sichere Pferde, das Andere nach unguten Maßstäben (ein-)gerittene Pferde und beides lässt sich mit entsprechender Ausbildung beheben - was auch wiederum die Berichte der Besitzer durchweg bestätigen.

Noch mal andere Probleme lassen sich fast immer auf Haltungs- oder Umgangsfehler zurückführen - gerade z.B. die oben beschrieben unsachgerechte 23h-Boxenhaltung, oder Rangordnungsprobleme zwischen Mensch und Pferd. Aber wenn die Besitzer diese Fehler erkennen und beheben zeigt sich meist schnell eine Änderung des Verhaltens und somit eine Lösung des Problems.
Schließlich verbleiben noch Probleme, die auf großes Temperament und meist starken Laufwillen zurückzuführen sind - wobei das Eigenschaften des Pferdes sind, die man eher nicht ändern kann. Hier ist die Frage, ob man dann den Anforderungen seines Pferdes gerecht werden kann, sich die nötige langwierige Hilfe besorgt und dann z.B. in den Distanzsport einsteigt, oder man in so einem Fall dann doch eher ein für sich geeigneteres Pferd und für das Pferd einen geeigneteren Besitzer findet.

Meist ist das aber bereits beim Kauf eines Pferdes erkennbar, so dass man sich hier am Besten bereits zu diesem Zeitpunkt entsprechende Gedanken machen kann.

Als Resümee der Erfahrungsberichte kann man sagen, dass am Schluss nahezu alle Besitzer (ob Anfänger oder Fortgeschrittner) von dem angenehmen, tollen, verlässlichen, trittsicheren, intelligenten, spritzigen, regulierbaren und wunderbaren Pferd schwärmen, das sie sich zum Zeitpunkt des Pferdekaufs aufgrund verschiedenster Berichte und Erfahrungen erhofft hatten - Großteils sind diese Erwartungen sogar noch übertroffen worden.

Zu erwähnen bleibt - wenn auch eigentlich selbstverständlich -, dass es natürlich auch Kabardiner gibt, die aus der Art schlagen können und eine Garantie sowieso nicht gegeben werden kann. Bei Problemen sollte man sich immer überlegen, woran es denn liegen könnte und versuchen Abhilfe zu schaffen und notfalls auch Konsequenzen angefangen von kompetenter Hilfe bis hin zur letzten Möglichkeit - dem Verkauf ziehen, so unangenehm das sein mag. Aber die Chancen mit einem Kabardiner stehen gut, nie in eine derartige Situation zu kommen.

Deshalb noch mal ganz deutlich: ein engagierter, lernwilliger und sich und dem Pferd gegenüber fairer Anfänger, der seine Grenzen kennt und kompetente Hilfe sucht und akzeptiert, wird mit einem Kabardiner einen guten Kauf tun. Für diese Personen ist ein Kabardiner unbedingt ein Anfängerpferd. 

Ganz zum Schluß: Ein Mensch muss also erstmal wie bei jedem Pferd ganz viel können, um ihm gerecht zu werden. Und beim Kabardiner kommt hinzu: Mit einem besonnenen Pferd, das nicht überreagiert, kann man ganz gut klarkommen. Fehler des Reiters verzeiht einem "der" Kabardiner eher und er ist dennoch keine Schlafmütze.

Search